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5.2.2012 : 12:43 : +0100

Im Gespräch mit Schirmherr Volker Kauder

Beim Besuch im Förderzentrum Hören & Sprechen versuchte sich Volker Kauder auch in der Gebärdensprache

Die meisten Menschen kennen ihn nur aus dem Fernsehen. Da wirkt er meist sachlich, kühl, geschäftsmäßig. Doch das Herz von CDU-Fraktionschef Volker Kauder schlägt nicht nur für die Politik. Als Schirmherr der Aktion "Wir machen Schule. Machen Sie mit." der Stiftung St. Franziskus Heiligenbronn in Schramberg nahe Rottweil, unterstützt er mit großem Engagement Kinder und Jugendliche mit Seh- oder Hörbehinderungen.

 

Die Kinder freuen sich ausgelassen, als der dunkelblau gekleidete Politiker den kleinen Klassenraum im Förderzentrum Hören und Sprechen betritt. "Wisst ihr überhaupt", ruft die Lehrerin ganz laut mitten in den Freudentaumel, "wer Herr Kauder eigentlich ist?" Überwiegendes Kopfschütteln ist die Antwort der neun Schüler im Alter von neun bis zehn Jahren. Die Kinder sitzen im Halbkreis, auf jedem Schülertisch steht ihr persönliches Gerät einer Gegensprechanlage. Einige der Schüler haben ein Cl im Ohr. Das ist ein Cochlea-lmplant, das mit bis zu 24 Elektroden im Ohr teilweise die Funktion der fehlenden Haarzellen im Innenohr ersetzt. Ohne das Cl wären die Kinder komplett gehörlos und als Folge davon der Sprache voraussichtlich nicht mächtig.

 

"Darf ich mal gucken", fragt Volker Kauder und lässt sich von den aufgeweckten Kindern die Implantate zeigen und erklären. Nebenher schaut er sich interessiert im Klassenzimmer um und fühlt sich sofort in seinem Engagement bestätigt: Das Schulgebäude für das Förderzentrum Hören und Sprechen ist alt, denn es ist untergebracht in Teilen des Klosters Heiligenbronn, die Ende des 19. Jahrhunderts erbaut wurden. Die Klassenräume sind klein, das Mobiliar überholt. Und die für die Schüler so notwendigen technischen Hilfsmittel gehören ebenfalls modernisiert. Gleiches gilt für das benachbarte Förderzentrum Sehen. Aus diesem Grund sollen zwei neue, hochmoderne Schulen errichtet werden. Ein 12 Millionen-Euro-Projekt. Zwischen 3 bis vier Millionen Euro wird das Land Baden-Württemberg bezahlen. Für den Rest muss die Stiftung selbst aufkommen. Deshalb wurde die Initiative "Wir machen Schule. Machen Sie mit." gestartet. Die Verantwortlichen hoffen, über ausreichend Spendengelder die noch offene Lücke schließen zu können. Allen voran CDU-Fraktionschef Volker Kauder.

Volker Kauder zwischen Dritt- und Viertklässlern.

Der 59jährige Politiker schaut öfter in Heiligenbronn vorbei und interessiert sich vor allem für das Förderzentrum Hören und Sprechen. 100 Kinder besuchen dort die Grund-, Haupt,- und Förderschule, 85 Schüler die Berufsschule und 35 Kinder ab dem 2. Lebensjahr den Kindergarten. Sie alle werden betreut und unterrichtet von Spezialisten, bekommen jede Unterstützung, um später ein möglichst selbständiges Leben zu führen. Manche Kinder nehmen täglich Fahrten bis zu zwei Stunden pro Strecke auf sich, andere wiederum wohnen die ganze Woche über im Internat der Stiftung. Wer wegen der Schwere seiner Behinderung nach der Schule keinen Ausbildungsplatz findet, wird in Heiligenbronn in speziellen Ausbildungsbetrieben für behinderte Menschen ausgebildet. Was Heiligenbronn bietet, ist einzigartig für Baden-Württemberg. Das weiß auch Volker Kauder, der deswegen keine Sekunde mit seiner Unterstützung für den kostspieligen Neubau zögerte.

 

Bei seinem jüngsten Besuch in Heiligenbronn lässt sich der CDU-Mann ganz begeistert von den hörgeschädigten Kindern für ihn neue Wörter der Gebärdensprache beibringen. Ein gemeinsames Gebet in Gebärdensprache beendet den fröhlichen Besuch. Nicht jeder Hörgeschädigte hat das große Glück, in einer Einrichtung wie Heiligenbronn zu landen und gefördert zu werden. Und Volker Kauder weiß aus seiner Tätigkeit als Sozialdezernent im Tuttlinger Landratsamt sehr genau: Menschen, die schlecht oder gar nicht hören, haben zumeist auch große Probleme mit der Sprache. Das bedeutet im Alltag, von jeglicher Kommunikation abgeschnitten zu sein. Wer nicht hören und nicht sprechen kann, ist isoliert.

Volker Kauder mit Lukas, einem Gesicht unserer Spendenaktion.

Herr Kauder, warum setzen Sie sich so intensiv für Gehörlose ein?

Gehörlose sind Menschen, die sich nicht oder nur sehr schlecht verständigen können und deshalb an vielen Situationen im alltäglichen Leben nicht teilhaben können, sich an viele Dinge nicht herantrauen, die für uns selbstverständlich sind. Deshalb habe ich mal eine Gruppe Gehörloser mit einer Gruppe Hörender gemeinsam nach Berlin eingeladen. Anfangs gab es Schwierigkeiten im Umgang miteinander, nach vier Tagen waren die Gruppen bunt gemischt und alle ein Herz und eine Seele. Das empfand ich als sehr schöne Erfahrung. Sie haben gerade den Unterricht einer gemischten Gruppe von Dritt- und Viertklässern besucht.

 

Mit welchen Gefühlen gehen Sie heim?

Ich verlasse Heiligenbronn immer mit einem Gefühl der Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass es diese Einrichtung gibt und vor allem auch Menschen, die sich darum kümmern, dass Behinderte eine Perspektive haben.

 

Was macht Heiligenbronn für Sie so besonders?

Hier erfahren die Betroffenen Zuwendung. Es geht ja nicht nur darum, dass die Kinder etwas lernen oder Behinderte betreut werden, sondern dass sie Geborgenheit empfinden. Die Einrichtung ist auch deshalb besonders, weil sie auf einer religiösen Grundlage arbeitet. Der Glaube ist überall spürbar, vor allem bei den Menschen die hier arbeiten. Sie arbeiten in der Gewissheit, dass sie die Kraft für ihre schwere und fordernde Aufgabe bei Gott finden.

 

Erden Sie Ihre Besuche in der Einrichtung?

Wenn ich mich mit den vielen verschiedenen Schicksalen hier auseinandersetze, wird mir jedes Mal bewusst, wie glücklich ich über mein eigentlich problemloses Leben sein kann und dass dies nicht selbstverständlich ist. Diese Erkenntnis lässt einen schon immer wieder auf den Boden zurück kommen.

 

Beeinflusst diese Erkenntnis auch Ihre politische Arbeit?

Vielleicht insofern, dass ich bei gesetzlichen Vorhaben im Sozialbereich extrem wachsam bin und das Thema für mich nicht abstrakt ist. Für mich hat Behinderung Gesichter. Aus dieser Einrichtung nehme ich die Erkenntnis mit, dass gerade Behinderte eine natürliche Fröhlichkeit besitzen und trotz ihres Handicaps Freude am Leben haben. Wenn ich manchen Nichtbehinderten mutlos erlebe, dann kann ich nur sagen, er sollte sich ein Beispiel an denen nehmen, die eigentlich Grund zur Mutlosigkeit hätten, aber voller Zuversicht sind, dass sie auch ihren Platz im Leben haben. Ich glaube auch, dass das Bewusstsein über den eigenen Platz im Leben mit dem Wissen zu tun hat: Da gibt es noch einen Anderen, auf den man neben den Menschen auf der Erde zählen kann.

 

Können Sie in Heiligenbronn für sich selbst Kraft schöpfen?

Kirchliche Einrichtungen finde ich generell faszinierend, weil neben der vorhandenen fachlichen Kompetenz viel für die Seele getan wird. In Heiligenbronn kann ich die menschliche Solidarität und Wärme spüren, die viele Menschen in unserer Gesellschaft vermissen. Das gibt mir Kraft und Zutrauen, dass unsere Gesellschaft neben den wirtschaftlichen auch die menschlichen Aufgaben erfüllen kann. Bei aufmerksamer Beobachtung kann jeder von uns noch etwas anderes in Heiligenbronn lernen, was in unserem täglichen Leben leider sehr verloren gegangen ist, aber dringend zurück kommen muss: Der anständige Umgang miteinander, der darauf beruht, dass jeder Mensch eine Würde hat, die eindeutig vor der Leistung kommt.

 

Das Interview führte Patricia Lessnerkraus.

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